Die Geschichte als Spiegel verstehen

Interview mit Helen Hirsch (LC Bruderholz) und Peter Fux (LC St. Gallen Dreilinden), beide führen ein Museum, zum Thema der Revue LION "Gestern und Heute".

Helen Hirsch (LC Bruderholz) und Peter Fux (LC St. Gallen Dreilinden) sind Direktorin bzw. Direktor eines Museums. Währenddessen sich Helen in ihrem Beruf der Kunst widmet, beschäftigt sich der gelernte Archäologe Peter mit historischer Völkerkunde.  Sie beide haben mindestens eine grosse Gemeinsamkeit: Sie bringen den Menschen vergangene oder historische Kunst näher und schaffen es gleichzeitig, aktuelle kunsthistorische Errungenschaften für die Nachwelt «zu konservieren».  Ein Interview zum aktuellen Thema dieser Ausgabe mit einer Lions «von gestern» (seit 24 Jahren im Club) und einem Lions «von heute» (seit April  dieses Jahres im Club).

Wie hat sich die Museumslandschaft in den letzten Jahren verändert?
H
elen: Um heute als Museum gesell­schaftlich relevant zu sein, müssen die Besucherinnen und Besucher im Zent­rum stehen. Die Vermittlungsangebote sollen  eine multikulturelle,  inklusive Gesellschaft ebenso wie museumsaffine Menschen abholen. Darüber hinaus sind wir gefordert,  digitaler, partizipativer und agiler zu sein. Grundlage dafür blei­ben die Kunstwerke.
Peter: Die grossen Metropolenmuseen der Weltstädte sind touristische Pilger­orte geworden. Sie bewahren Schätze der Menschheitsgeschichte und sind damit selbst Teil des Weltkulturerbes. In der Schweiz haben wir die vielleicht grösste Museumsdichte weltweit, aber kein ebensolches Metropolenmuseum. Ich erachte das als einen Vorteil, denn die Vielfalt, Lebendigkeit und Kreativität dieser vielen Häuser darf sich sehen las­sen. In den letzten Jahren haben sich die grösseren Museen stark professionalisiert.

Ihr bringt   das «Gestern» quasi be ruflich ins «Heute»Was sind die Herausforderungen hierbei?
Helen:
Das Gestern so zu vermitteln, dass es auch heute relevant ist und dabei wichtige aktuelle Fragen zu Umwelt, Ge­sellschaft und Politik zu thematisieren.
Peter: Ich verstehe die Geschichte als Spiegel: Die historischen Quellen lassen uns in andere, vergangene Realitäten eintauchen. Dies erzeugt den nötigen Kontrast, um unsere eigene gegenwärtige Lebenswelt zu erkennen und zu verste­hen. Zu erspüren, welche Themen aktuell eine derartige Selbstbetrachtung reiz­voll oder nötig machen, ist für mich die grosse und schöne Herausforderung.

«Das Heute ist das Morgen von gestern …» Was kommt euch zu diesem Fakt spontan in den Sinn
Helen
: Wenn ich mich auf den Museumsalltag besinne, haben wir eigentlich stets die Zukunft im Blick, da wir unsere Aus­stellungen und Events Jahre im Voraus planen: So gesehen ist das Heute für uns eigentlich schon das Gestern von morgen.
Peter: Ganz spontan: Es ist gesund, sich regelmässig zu vergegenwärtigen, dass unsere Lebenswelt über Generationen hinweg erbaut worden ist. Wir Menschen führen ein Leben in der Zeit – mit Geschichte, Ideen und Plänen, die auch über unsere individuelle Existenz hin­ ausgreifen. Über unsere individuelle Existenz hinaus zu denken und entsprechend zu handeln, ist dabei keine Op­tion, sondern Pflicht.

Für welche drei Dinge in eurem Leben seid ihr heute am dankbarsten?
Helen
: Für die Menschen, die mich durch dick und dünn auf meinem Lebensweg begleiten; einen Beruf auszu üben, der mich mit Freude erfüllt; in einem Land zu leben, wo Meinungsfrei­ heit herrscht.
Peter: Für die Liebe, die ich von meiner Familie erhalte. Für die wertvollen Freundschaften. Für den Glücksfall, dass ich beruflich meinen Leidenschaften nachgehen darf.

Liebe Helen, du bist seit 24 Jahren Lions. Wie hat sich der Lionismus aus deiner Sicht in dieser Zeit, von gestern bis heute, entwickelt?
Es freut mich, dass in den letzten Jahren viel mehr junge und engagierte Frauen beigetreten sind und dass sich die für eine grössere Vielfalt von Menschen engagieren. Ich bin auch stolz, dass wir schon vor 24 Jahren als Frauen unseren Club mitgegründet haben.

Und du, lieber Peter, bist im April 2022 den Lions beigetreten. Was ist dein erster Eindruck?
Ich erfreue mich am gegenseitigen Inte­ resse unter den doch unterschiedlichen Mitgliedern. Den Austausch mit Men­ schen, denen ich ausserhalb des Clubs wohl nicht begegnet wäre, empfinde ich als inspirierend. Ich freue mich auf ge­ meinsame sinnvolle Projekte im Club.

Interview: Tobias Jäger

Helen Hirsch (1963)

Nach dem Studium der Kunstgeschichte, Geschichte und Skandinavistik in Kopen­hagen und in Freiburg i. Br. arbeitete Helen Hirsch als wissenschaftliche Mit­arbeiterin in der Kunsthalle Basel (1997–2000). Anschliessend organisierte und leitete sie als freie Kuratorin zahlreiche Ausstellungen und Projekte im In­ und Ausland mit einem Schwerpunkt auf interkulturellen Ausstellungsprojekten, Symposien und Workshops (u. a. in Viet­nam, Ägypten und  Georgien).  Es folgte die künstlerische Leitung der Kunsthalle Palazzo in Liestal. Seit 2007 ist sie die Direktorin und Kuratorin des Kunstmu­seums in Thun und leitet auch das Thun­ Panorama. Sie hat über 70 Ausstellungen im Bereich der modernen und der zeit­ genössischen Kunst kuratiert und arbei­tet mit schweizerischen ebenso wie mit internationalen Künstlerinnen und Künstlern,  darunter  Ida Applebroog, Eduardo Arroyo, Hans Op de Beeck, Sophie Calle,  Subodh Gupta  und Jeppe Hein, deren Werke in der Schweiz erst­ malig gezeigt wurden. Neben  ihrer Tätigkeit als Autorin und Herausgeberin zahlreicher Publikationen war sie Lehr­ beauftragte am Institut für Kunstge­schichte der Universität Bern.

Peter Fux (1976)

Vor einem Jahr ist Peter mit seiner Frau und der heute fünfjährigen gemeinsamen Tochter von Zürich nach St. Gallen ge­zogen. In dieser schönen Stadt hat er das Direktorium des Historischen und Völker­kundemuseums übernehmen dürfen. Zuvor arbeitete Peter 13 Jahre lang im Museum Rietberg Zürich, zuerst als Kura­tor für die Kunst Amerikas und Archäolo­gie, später auch als Leiter Sonderausstel­lungen. Von Haus aus ist er Archäologe. Nach einer Berufslehre zum Hoch­ bauzeichner besuchte Peter die Maturi­tätsschule für Erwachsene und studierte in Zürich, wo er dann auch in Archäologie und Philosophie promovierte. Peter hat lange in Lateinamerika gearbeitet, vor allem in Peru. Auch im Himalaja war er über mehrere Jahre archäologisch tätig. An der Universität Zürich ist er noch immer regelmässig in der Lehre beschäf­tigt. Peter treibt regelmässig und leiden­ schaftlich Sport, vor allem Laufen, und mag Musik ebenso wie gutes Essen. Als Familie sind die drei am liebsten in der nahegelegenen Natur unterwegs.